Was machst du, wenn der beste Freund zum ärgsten Feind wird? So ging es mir, als mein Dad starb. Und der Freund, von dem ich hier rede, war Musik. Musik als Trigger, jahrelang, bei jedem Ton.
Musik wurde zu meiner persönlichen Hölle. Jede Musik. IMMER und völlig egal in welchem Kontext. Ich hatte Angst vor ihr.
Musik als Trigger war der Beweis für die Nähe zu dem Menschen, den ich verloren hatte. Und zugleich mein zuverlässigster Türöffner, wenn ich mir selbst erlaubte, den Schmerz dieses Verlustes wirklich zuzulassen und zu fühlen.
Was bedeutet es, wenn Musik als Trigger wirkt?
Musik als Trigger bedeutet: Ein Lied löst im Bruchteil einer Sekunde eine Gefühls- und Körpererinnerung aus, die mit einem Menschen oder Ereignis verknüpft ist. Trigger meint hier den psychologischen Auslösereiz, nicht Empfindlichkeit. Der Reiz ist schneller als der Gedanke.
Bei mir war es jedes Lied. Radio im Supermarkt, Jingle in der Werbung, Klingelton am Nachbartisch. Musik war in meinem limbischen System so alternativlos mit meinem Vater verknüpft, dass ich nicht atmen konnte, wenn irgendwo Musik lief. Und manchmal wollte ich das auch gar nicht.
Warum ausgerechnet Musik so tief geht
Klang nimmt eine Abkürzung. Er landet direkt dort, wo Gefühl und Erinnerung zu Hause sind, lange bevor der Verstand mitbekommt, was da läuft. Deshalb reicht oft schon der erste Takt.
Ein Foto kannst du weglegen. Ein Lied dauert drei Minuten, und in diesen drei Minuten bist du wieder da. Erinnerungen an Verstorbene kommen über Musik als ganzer Zustand über dich: Geruch, Licht, Körpergefühl, alles gleichzeitig.
Mein Vater, die Geige und die Heimorgel
Mein Dad liebte Musik. Ich wuchs in einem Haushalt auf, in dem es niemals still war – und ich meine damit nicht unser lautes Kindergeschrei und -gelächter.
Mein Vater spielte als Kind Geige. Und obwohl ich ihn niemals drauf hab spielen hören, war sie ein Schatz, den er sein ganzes Leben hütete. Als junger Mann in den 70ern war er DJ auf Pfarrei-Parties und baute als junger Mann zur Bewältigung seines Liebeskummers aus einem Bausatz eine elektronische Heimorgel von Böhm, auf der ich dann mit 5 anfing unterrichtet zu werden. Wenn wir im Auto unterwegs waren, ließ er uns immer Song und Interpret raten.
Am Ende zählen selten die großen Dinge, sondern genau solche, wie ich beim Schreiben über das, was Sterbende bereuen, gemerkt habe.
Eigentlich was Wunderschönes. Bis er starb und ich versuchte, Musik aus dem Weg zu gehen, weil sie mich an Dinge erinnerte, an die ich damals nicht erinnert werden wollte.
Der Moment, in dem alle lachten
Ich erinnere mich noch an das Lied, das wir auf seiner Beerdigung gehört haben. Jedes Mal, wenn ich es jetzt höre, erinnert es mich an diesen absurden Moment in dem kleinen kalten Raum, in dem so viele Menschen um ihre Fassung kämpften.
Und dann hatte Mom für ihn „My Way“ von Frank Sinatra rausgesucht und für einen Augenblick ging ein Lachen durch die Menge – bevor dann die Tränen erst so richtig flossen.
Das Lieblingslied des Verstorbenen holt den Menschen kurz zurück und nimmt allen im Raum die Fassade.
Was im Körper passiert, wenn ein Lied dich überfällt
Dein Nervensystem unterscheidet nicht sauber zwischen damals und jetzt. Es erkennt ein Muster wieder und schaltet in den Überlebensmodus, bevor du es merkst. Der Atem wird flach, die Beine schwer. Manche erstarren, andere müssen flüchten und raus.
Ich verstehe aus tiefstem Herzen, was ein Flashback bedeutet, wie schnell und überwältigend er sich anfühlt und wie sehr er dich in die Handlungsunfähigkeit schubsen kann. Das ist keine Einbildung, das ist Körper. Wie dieser Schutz arbeitet, habe ich über das Nervensystem aufgeschrieben. Musik als Trigger ist von dort aus eine sehr schnelle Erinnerung ohne Umweg.
Was das nicht heißt
Es heißt nicht, dass du schwach bist, und nicht, dass du zurückfällst, wenn du nach Jahren wieder im Supermarkt stehst und heulst. Es heißt nicht, dass du Trauer nach einem Zeitplan verarbeiten musst.
Trauer hält sich an keine Frist. Wer erlebt hat, wie sich ein plötzliches Verschwinden und echte Trauer ähneln, weiß, wie wenig sich das steuern lässt. Emotionale Trigger sind Wegmarken auf einem Weg, der sich nicht abkürzen lässt.
Ganz ehrlich. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich das alles überlebt habe.
Aber weißt du was? Das ist in Ordnung. Es ist normal, dass Musik und Erinnerungen miteinander verknüpft sind.
Was hilft, wenn Musik als Trigger wirkt
Ich habe keine Formel für dich, nur meinen eigenen Weg. Am Anfang bin ich weggelaufen: Radio aus, Raum verlassen. Es ging nicht anders. So viel und oft zu weinen war kräftezehrend. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich damit auch von ihm ferngehalten habe.
Gib dir die Zeit, die du brauchst, um deine Gefühle zu verarbeiten. Ich bitte dich: Erlaube dir, traurig zu sein, den Schmerz des Verlustes wirklich und wahrhaftig zu spüren. Aber vergiss nicht, dass es auch in Ordnung ist, sich an die guten Zeiten zu erinnern und zu lachen. Du musst dich nicht schuldig fühlen, wenn du an ihn und seine Marotten denkst und dabei lächeln musst. Wenn du das nicht allein tragen willst, findest du beim Bundesverband Trauerbegleitung Menschen, die dich begleiten.
Wie aus dem Trigger wieder ein Türöffner wurde
Nach einer sehr langen Weile habe ich angefangen, bewusst Musik auszuwählen, die mich an ihn erinnert. Obwohl es schmerzhaft war, hab ich mich ihm dann immer sehr nahe gefühlt.
12 Jahre später ist Musik kein Trigger mehr, aber es hat unendlich lange gedauert. Mittlerweile hab ich zwei Playlists auf Spotify – übrigens öffentlich zugänglich – „on the road“ und „Paps“. Beide öffnen direkt die Türen zu allen Erinnerungen, die mich zu ihm führen und mich mit ihm verbinden.
Er ist immernoch da. Anders. Und doch so präsent als würde er nur gerade Urlaub machen und in ein paar Tagen wieder heim kommen. Ob mehr daraus wird, frage ich beim Schreiben über das, was nach dem Tod kommt, immer wieder.
Die eine Zeile, die es trifft
Es gibt in „Remember Me“ von Michael Schulte eine Zeile, an der ich hängengeblieben bin, weil sie genau die Bewegung beschreibt, um die es in diesem ganzen Text geht: dass das Weiterleben eines Menschen und mein Erinnern an ihn dasselbe sind. Lange konnte ich das Lied nicht hören. Heute ist diese Zeile der Satz, mit dem ich enden will.
When I'm gone, will you still remember me?
Michael Schulte, „Remember Me“ (2022)
Häufige Fragen zu Musik als Trigger in der Trauer
Was bedeutet es, wenn Musik als Trigger in der Trauer wirkt?
Musik als Trigger in der Trauer bedeutet, dass ein Lied unwillkürlich eine Gefühls- und Körpererinnerung auslöst. Der Auslösereiz wirkt schneller als der Verstand. Es zeigt, wie nah dir dieser Mensch war.
Ist es normal, dass mich ein Lied nach einem Todesfall aus der Bahn wirft?
Ja. Nach einem Verlust reagiert das Nervensystem empfindlich auf alles, was an den Menschen erinnert, und Klang gehört zu den stärksten dieser Reize. Dass dich ein Lied im Supermarkt überrollt, ist eine verbreitete Erfahrung in der Trauer und kein Alarmzeichen.
Wie lange bleibt Musik ein Trigger?
Das ist bei jedem Menschen anders und lässt sich nicht vorhersagen. Bei mir hat es viele Jahre gedauert, bis Musik ihren Schrecken verlor, und der Weg verlief nicht gerade. Trauer verarbeiten heißt: Die überwältigenden Momente werden seltener. Ein Datum dafür gibt es nicht.
Warum löst gerade Musik so starke Erinnerungen aus?
Weil Klang direkt an Gefühl und Erinnerung andockt und den Umweg über das Nachdenken auslässt. Ein Lied bringt den ganzen Zustand von damals zurück, mit Geruch, Licht und Körpergefühl. Deshalb wirken Erinnerungen an Verstorbene über Musik unmittelbarer als über Fotos.
Soll ich Musik meiden, die mich an einen Verstorbenen erinnert?
In der ersten Zeit darfst du alles meiden, was dich überfordert. Auf Dauer schneidet dich das Vermeiden aber von der Nähe ab, die in dieser Musik steckt. Hilfreicher ist meist, den Zeitpunkt selbst zu wählen: das Lieblingslied des Verstorbenen anmachen, wenn du Ruhe dafür hast.
Darf ich lachen, wenn ich an einen Verstorbenen denke?
Unbedingt. Lachen nimmt der Trauer nichts weg und ist kein Verrat. Auf der Beerdigung meines Vaters ging bei einem Lied ein Lachen durch den Raum, bevor die Tränen kamen. Du musst dich nicht schuldig fühlen, wenn eine Erinnerung dich zum Lächeln bringt.
Was hilft in dem Moment, in dem ein Lied mich überflutet?
Zuerst der Körper. Länger ausatmen als einatmen, die Füße auf dem Boden spüren, den Raum benennen. Damit gibst du deinem Nervensystem das Signal, dass die Gefahr vorbei ist. Wenn es geht, geh nach draußen, statt gegen das Gefühl anzukämpfen.
Wenn die Trauer dich an einen Punkt bringt, an dem du nicht weiterweißt, sprich mit jemandem darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym.
Wie es weitergeht
Diese Geschichte steht auch in meinem Buch, zusammen mit weiteren, die ich damals niemandem erzählen konnte.
Zuletzt aktualisiert am 29. August 2026.



